Liebesromane


Mein eisiger Prinz mit dem glühenden Herzen
Freiin Marie-Estelle von Steineck, kurz Stella genannt und Erbprinz Ludwig kennen sich von Kindesbeinen an. Während des Studiums haben sie sich aus den Augen verloren. Als sie anlässlich eines Balls wieder aufeinander treffen, schießt Amor seine Pfeile ab, die ihre Ziele nicht verfehlen. Aber Stella zögert mit dem Ja-Wort, da sie nicht in einem goldenen Käfig leben möchten. Vor allem aber, da Ludwig offensichtlich Mühe hat, seine wahren Gefühle zu zeigen.
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Rendezvous in Antwerpen
Einen Urlaub mit ihrer Großmutter zu verbringen, entspricht nicht unbedingt Carolines Wunschvorstellung. Aber da sie momentan Single ist und ihre Großmutter Linda sehr mag, lässt sie sich darauf ein. Und so begeben sie sich beide auf eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein.
Die erste Nacht in der gemeinsamen Kabine stellt Carolines Nerven auf eine harte Probe, denn Linda schnarcht entsetzlich. Die Ohrstöpsel, die Caroline sich besorgt, schaffen ab der nächsten Nacht zum Glück Abhilfe und sie genießen beide ihre Reise.
Fast am Ende der Kreuzfahrt kommen sie nach Antwerpen und Caroline verliebt sich auf den ersten Blick in den heimischen Stadtführer Tim, der ihre Zuneigung schüchtern erwidert. Um ihn besser kennenzulernen, fliegt sie einige Wochen später nochmals nach Antwerpen. Es ist nicht einfach für sie, den schüchternen Tim aus der Reserve zu locken, doch nach einem erneuten Besuch beginnen sie eine Fernbeziehung. Sie lieben sich und Caroline plant bereits ihren Umzug nach Belgien. Alles könnte so wunderbar sein, wäre da nicht eine aufdringliche Praktikantin, die Tim das Leben schwer macht.

Fehltritt ins Glück – 1
Als Susanne bei einem unbedachten Schritt rückwärts ihrem Hintermann auf den Fuß steigt, ahnt sie nicht, dass dieser „Fehltritt“ ungeahnte Auswirkungen auf ihr weiteres Leben hat. Denn ihr „Opfer“ der junge Arzt Thomas Beckmann hat sich Knall auf Fall in sie verknallt und versucht hartnäckig mit ihr in Kontakt zu kommen. Doch erst als sie zufällig beruflich aufeinander treffen, funkt es auch bei Susanne. Und damit beginnt ein Liebesabenteuer voller Gefühle aber auch mit Irrungen und Konflikten.
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Fehltritt ins Glück – 2
Bald nach ihrer Hochzeit heißt es für Susanne und Thomas Abschied nehmen – sie verlassen den schönen Breisgau und ziehen nach Norddeutschland. Dort übernimmt Thomas eine Landarztpraxis und Susanne wird als Lehrerin an einer Gesamtschule unterrichten. Schnell leben sie sich in der kleinen Stadt in der Lüneburger Heide ein, und ihr Glück scheint vollkommen zu sein.
Doch dieses Glück scheint in Gefahr als eine von Susannes Schülerinnen behauptet, von Thomas schwanger zu sein. Und dieser hat ein Problem, eine Beziehung zu dem Mädchen abzustreiten.
Voller Wut und Enttäuschung flieht Susanne zu ihren Eltern nach Freiburg. Wird ihre noch so junge Ehe zerbrechen? Oder gibt es für die beiden doch noch ein Happy End?
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Fehltritt ins Glück – 3
Mittlerweile sind Susanne und Thomas Eltern eines kleinen Jungen. Doch das Glück der jungen Familie bleibt nicht ungetrübt. Susannes Mutter stirbt bei einem Autounfall was die bereits wieder schwangere Frau hart trifft. Und des es wieder ein Junge werden wird, lässt sie auch nicht unberührt, hatte sie sich doch sehnlichst ein Mädchen gewünscht. Derweil muss sich Thomas den Nachstellungen eine liebestollen Stalkerin erwehren. Doch dann ist das Glück fast vollkommen, denn aller guten Dinge sind drei, und wieder ist ein Kind unterwegs. Wird es diesmal ein Mädchen?
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Fehltritt ins Glück – Sammelband
Leseprobe: Mein eisiger Prinz mit dem glühenden Herzen
Stella machte ihrem Unmut Luft: „Das ist doch wie auf einer Viehauktion. Fehlt nur noch, dass wir den Mund aufmachen müssen, damit sie uns die Zähne kontrollieren können!“
Während ihr Vater, Konrad Freiherr von Steineck, erfolglos ein Grinsen zu verbergen suchte, tadelte ihre Mutter sie streng. Genervt hob Stella den Blick und schaute direkt auf eine Männerhand, die auf dem Treppengeländer ruhte. Es war eine schön geformte Männerhand mit langen schlanken Fingern. Am kleinen Finger steckte ein auffälliger Ring. Verträumt stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn diese Hand sie streicheln würde.
Zahlreiche Familien, die einen Adelstitel trugen und Kinder im heiratsfähigen Alter hatten, waren anwesend. Der offizielle Anlass war die Feier des 30. Geburtstags des Erbprinzen Ludwig. Aber jeder wusste, dass Fürstin Zita ihren ältesten Sohn und auch ihre Tochter Elisabeth unter die Haube bringen wollte.
Stella wäre lieber in ihrer Studentenbude in Freiburg geblieben, um sich auf ihr Abschlussexamen als Pharmazeutin vorzubereiten. Aber ihre Eltern hatten darauf bestanden, dass sie mitkam. Eine Einladung des Fürsten, auch wenn es nur ein kleines unbedeutendes Fürstentum war, lehnte man einfach nicht ab.
„Wären Papa und Fürst Ferdinand nicht befreundet, dann hätte man uns doch gar nicht eingeladen“, maulte sie dann auch weiter.
„Mon Dieu“, schimpfte ihre Mutter. „Du tauchst hier in diesem unmöglichen Kleid auf. Und dann bist du auch noch schlecht gelaunt! Sei jetzt endlich still und lächle, wie sich das gehört.“
Stella trug ein dunkelgrünes Ballkleid, das sie sich nach Erhalt der Einladung selbst genäht hatte. Der Schnitt mit dem Miederoberteil, den kurzen Flügelärmeln und dem weiten Rock, der vorne etwas kürzer war, hatte ihr auf Anhieb gefallen. Der Taftstoff war für ihre Verhältnisse sündhaft teuer gewesen. Das Oberteil hatte aufgedruckte Rosen in einem etwas helleren Grün. Der Rock war einfarbig, erschien aber je nach Lichteinfall mal heller oder dunkler. Die Farbe passte wunderbar zu ihrem feuerroten Haar. Die anderen jungen Frauen trugen Ballkleider in Pastellfarben mit viel Tüll, und so fiel sie sofort auf.
Sie seufzte, als sie an die vielen Stunden dachte, die sie mit Nähen verbracht hatte, statt an ihrer Examensarbeit zu schreiben. Aber ein Ballkleid konnte sie sich nicht leisten, auch wenn sie im Moment ein Praktikum machte, und damit etwas Geld verdiente. Ihr Vater konnte mit Mühe den Stammsitz der Familie, ein kleines Schloss im Schwabenland, erhalten und somit war das Geld in der Familie knapp. Ihre Mutter und ihre Schwester hatten sich offenbar Kleider geliehen. Aber das wollte Stella nicht. Außerdem war das auch nicht unbedingt billig.
Ein Raunen ging durch den Raum als die große Flügeltür des Ballsaals geöffnet und die erste Familie aufgerufen wurde. Es dauerte sehr lange bis Stella und ihre Familie an der Reihe waren. Da sie nur von niedrigem Adel waren, gehörten sie zu den letzten.
Sie betraten den Saal und wurden namentlich vorgestellt: „Konrad Freiherr von Steineck, Marie-Christine Freifrau von Steineck, Princesse de Prouvault, Freiin Marie-Estelle von Steineck und Freiin Friedericke von Steineck. Auf einem Podium saßen der Fürst und seine Familie in thronartigen Sesseln. Ihr Vater verbeugte sich tief, Mutter und Schwester fielen links und rechts von ihr in einen Hofknicks. Stella blieb zunächst wie angewurzelt stehen. Ihr Blick fiel auf die Hand mit dem Ring am kleinen Finger, die auf einer Sessellehne ruhte. Sie errötete bis unter die Haarwurzeln und hoffte, dass Ludwig sie auf der Treppe nicht gehört hatte. Erst als ihre Mutter ihr ungehalten etwas zuraunte, vollführte sie ebenfalls einen eleganten Knicks. Neugierig blickte sie kurz auf und sah wie Ludwig sie anlächelte.
Der Fürst wechselte ein paar freundliche Worte mit seinem Freund Konrad, bevor die Familie den Saal verlassen konnte.
„Aus dem kleinen Wildfang ist wirklich eine hübsche junge Frau geworden“, meinte der Fürst schmunzelnd. Ludwig nickte zustimmend. Stella hatte die schlanke, grazile Figur ihrer Mutter geerbt. Ihre Schwester Friedericke dagegen wirkte etwas plump.
„Kommt bloß nicht auf die Idee, diese rothaarige Hexe ins Auge zu fassen!“, protestierte die Fürstin sofort.
Vater und Sohn grinsten sich verschwörerisch an.
***
Bis der Ball endlich begann, war Stella durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen. Sie kannte Ludwig schon immer. Die beiden Väter hatten gemeinsam das Internat besucht und waren seit dem Freunde. Ihre Familien hatten jedes Jahr zusammen eine Woche in der Sommerresidenz des Fürsten verbracht. Sie war ein sehr wildes Kind gewesen, während Ludwig immer still und zurückhaltend war. Obwohl er sechs Jahre älter war, hatten sie sich als Kinder prächtig verstanden. Als Teenager hatte sie dann von ihm geschwärmt. Aber seit er vor einigen Jahren an eine Universität in den USA gegangen war, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Und seit sie selber studierte, war sie kaum noch bei der Fürstenfamilie zu Besuch gewesen. Lieber hatte sie in den Semesterferien gearbeitet, um sich ihr Studium zu verdienen.
Ludwig tanzte brav mit allen potentiellen Heiratskandidatinnen. Stella verfolgte ihn immer wieder mit ihren Blicken. Wenn sich ihre Blicke trafen, errötete sie leicht. Er sah gut aus in seinem Smoking. Sein langes blondes Haar hatte er im Nacken mit einer schwarzen Schleife zusammengebunden.
Dann war es soweit, er stand vor ihr und forderte sie mit einer kleinen Verbeugung zum Tanz auf. Sie lächelte ihn scheu an und begab sich an seinem Arm zur Tanzfläche. Zunächst tanzten sie schweigend. Auf die Schmetterlinge, die plötzlich während des Tanzens in ihrem Bauch flatterten, war sie nicht gefasst.
„Ich habe jede Geburtstagskarte aufgehoben, die du mir während der ganzen Jahre geschickt hast“, sagte Ludwig leise. Stella lächelte, als sie daran dachte, wie sie ihm die erste Karte schrieb, als sie kaum schreiben gelernt hatte.
„Warum habe ich dieses Jahr keine bekommen?“, riss er sie aus ihren Gedanken.
„Oh, dieses Jahr wollte ich sie dir persönlich überreichen“, erwiderte sie lächelnd.
Leseprobe: Fehltritt ins Glück
„Oh, Entschuldigung!“
Susanne drehte sich zu der Person um, der sie auf den Fuß getreten war. Sie schaute direkt in ein schönes braunes Augenpaar. Für einen Moment nahmen diese Augen sie gefangen und sie meinte darin zu versinken.
„Es tut mir leid, ich habe nicht gemerkt, dass Sie so dicht hinter mir stehen“, versuchte sie sich zu entschuldigen.
„Es war wohl meine Schuld, ich dachte nicht, dass Sie so stürmisch sind.“ Der Mann lächelte sie freundlich an.
Die Firma, für die Susanne arbeitete, feierte ein Jubiläum und hatte an diesem Wochenende zu einem Tag der offenen Tür eingeladen. Am Empfang herrschte schon am Vormittag ein dichtes Gedränge. Ihr blaues Kostüm und das Namensschild am Revers wiesen Susanne als Mitarbeiterin aus. Sie hatte sich erkundigt, ob die Gruppe aus der Budapester Filiale, die sie führen sollte, schon eingetroffen war. Der Mitarbeiter am Tresen übergab ihr eine Mappe mit den notwendigen Informationen und zeigte ihr, wo die Gruppe auf sie wartete. Sie wollte so schnell wie möglich dorthin gehen. Deswegen hatte sie einen Schritt rückwärts gemacht und war ihrem Hintermann auf den Fuß getreten.
Immer noch etwas verwirrt machte sie sich auf den Weg zu der Sitzgruppe, in der die Ungarn Platz genommen hatten. Als sie sich nochmals kurz umsah, bemerkte sie, dass der Fremde ihr nachschaute. Sie versuchte sich auf die Führung zu konzentrieren, denn es war das erste Mal, dass sie so etwas machte. In den Wochen zuvor hatte sie einige Schulungen absolvieren müssen, um sich in die Abläufe der einzelnen Abteilungen einzuarbeiten. Sie hatte zwar ihre Notizen dabei, aber ihr Ehrgeiz ließ es nicht zu, dass sie dauernd ablas.
Auf Ungarisch begrüßte sie die Besucher und stellte sich vor. Dann erklärte sie in groben Zügen den Rundgang, den sie zusammen machen würden. Die Besucher freuten sich, dass sie eine Führung in ihrer Landessprache erhielten. Als alle ihren Kaffee ausgetrunken hatten, ging Susanne mit ihnen los. Sie war sehr konzentriert und vollkommen vertieft in die Erklärungen. Deshalb war ihr zunächst gar nicht aufgefallen, dass der Fremde sich ihnen angeschlossen hatte. Erstaunt zog sie die Augenbrauen hoch, als sie ihn erblickte. Die Gruppenmitglieder waren sehr interessiert und stellten viele Fragen, so dass sie nicht viel Zeit hatte, über diesen Mann nachzudenken.
Am Ende des Rundgangs brachte sie die Gruppe in das Personalrestaurant, wo ein kleiner Imbiss für sie vorbereitet worden war. Der Sprecher der Gruppe bedankte sich für die sehr gute und interessante Führung und bat sie noch zu bleiben.
„Es tut mir leid, aber die nächste Gruppe wartet schon auf mich. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Aufenthalt und dann eine gute Heimreise.“
Jeder einzelne verabschiedete sich mit einem Händedruck von ihr. Dann musste sie sich beeilen, um noch einigermaßen pünktlich die nächste Gruppe in Empfang zu nehmen. Zügig eilte sie zurück zum Empfang.
„Oh Gott, rennen Sie doch nicht so“, rief plötzlich jemand hinter ihr.
Sie sah sich um. Leicht verärgert dachte sie: Was will der Typ von mir? Laut sagte sie: „Es tut mir leid, ich war zu lange unterwegs, die nächste Gruppe wartet schon auf mich. Ich habe absolut keine Zeit.“
„Was im Himmels Willen war das für eine Sprache, die Sie da gesprochen haben?“
Sie sah ihn verdutzt an. „Ungarisch. Warum?“ Dann lachte sie plötzlich laut los. „Jetzt sagen Sie nur, Sie haben die ganze Führung mitgemacht und nicht ein Wort verstanden.“
Er lachte ebenfalls. „Genauso ist es.“
„Sorry, ich hab jetzt echt keine Zeit für Sie. Die nächste Führung ist auf Englisch, vielleicht klappt das ja besser“, schlug sie scherzhaft vor.
Nachdem sie die nächste Gruppe in Empfang genommen hatte, schloss er sich tatsächlich wieder an. Sie sah ihn erstaunt an, sagte aber nichts. Diese Besucher waren ganz und gar nicht so freundlich und zuvorkommend wie die Ungarn. Es waren Amerikaner und Susanne hatte manchmal Mühe, um ihre Aussprache zu verstehen. So war sie heilfroh, als sie die Gruppe nach der Führung in der Cafeteria einem der Manager übergeben konnte.
Ihr taten die Füße weh, denn sie war es nicht gewohnt stundenlang auf Pumps zu laufen. Da sie eine knappe Stunde Pause hatte, spazierte sie gemütlich in den nahegelegenen Park, setzte sich auf eine Bank und zog die Schuhe aus. Es war ein milder Frühsommertag. Nach dem Trubel der letzten Stunden genoss sie zunächst mit geschlossenen Augen die Ruhe und das Zwitschern der Vögel. Genau in dem Moment als sie in das Sandwich beißen wollte, das sie sich aus der Cafeteria mitgenommen hatte, setzte sich der Fremde zu ihr.
„Guten Appetit“, sagte er und lächelte sie an.
Sie stöhnte innerlich, bedankte sich aber artig und biss herzhaft zu.
Er wartete bis sie fertig gegessen hatte, bevor er sie ansprach. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich so aufdringlich bin. Aber so einfach kommt man nicht davon, wenn man mir auf die Füße tritt“, versuchte er zu scherzen.
„Ich denke, ich habe mich bei Ihnen entschuldigt. Sie werden mir das jetzt ja wohl nicht ewig nachtragen wollen. Zudem standen Sie sehr dicht hinter mir. Von Abstand halten, habe Sie wohl noch nie etwas gehört?“ Sie klang leicht gereizt, was sie auch war.
Sie schaute ihn jetzt genauer an. Er sah eigentlich nicht schlecht aus. Das dunkle wellige Haar trug er unten kurz und oben etwas länger. Seine Gesichtsform war eher eckig und er hatte ein kleines Grübchen am Kinn. Die braunen Augen waren groß und mandelförmig, seine Nase fand sie eine Spur zu breit. Aber sein Mund zog ihren Blick magisch an. Er hatte relativ volle Lippen, die sich schon wieder zu einem gewinnenden Lächeln verzogen hatten.
„Wo hab ich denn nur meine guten Manieren gelassen“, spottete er.
„Was wollen Sie von mir? Und wer sind Sie überhaupt?“ Wieder hatte sie die Augenbrauen hochgezogen und sah ihn durchdringend mit ihren runden grün-grauen Augen an. Diese Augen faszinierten ihn. Sie hatte sie mit einem Hauch von silbrig glänzendem Lidschatten betont. Die getuschten Wimpern standen wie ein Kranz um diese Augen, was sie wie Sterne leuchten ließ.
„Zunächst zu Ihrer zweiten Frage, mein Name ist Thomas Beckmann“, er deutete eine kleine Verbeugung an. „Was ich von Ihnen will? Ich möchte Sie gerne näher kennenlernen.“ Er deutete auf ihr Namensschild. „Vorausgesetzt es gibt keinen Herrn Weber, der eifersüchtig werden könnte.“
Unbewusst schüttelte sie leicht den Kopf. Sie wusste zunächst nicht, was sie antworten sollte. Einerseits war er ihr etwas zu aufdringlich, andererseits wirkte er interessant auf sie.
„Hören Sie Herr Beckmann, ich muss gleich den nächsten Rundgang machen. Ich bin hier noch den ganzen Tag beschäftigt und habe leider keine Zeit für eine private Unterhaltung.“
„Schade, aber irgendwann haben Sie doch sicher Feierabend, oder?“
„Ja, aber dann bin ich total kaputt. Ich dachte nicht, dass das so anstrengend ist.“
„Und morgen, sind Sie da auch im Einsatz?“
Sie nickte seufzend.
„Wäre es sehr unverschämt, wenn ich Sie um Ihre Handynummer bitten würde?“
Wieder zog sie die Augenbrauen hoch. „Das geht mir jetzt aber entschieden zu schnell. Ich kenne Sie doch gar nicht.“
„Na ja, aber irgendwie müssen Sie uns schon die Gelegenheit geben, um das zu ändern.“ Er wollte um keinen Preis aufgeben.
Sie sah auf ihre Armbanduhr und seufzte. „Es tut mir leid, ich muss los.“ Sie schlüpfte wieder in ihre Schuhe und stöhnte leise auf. „Diese Dinger bringen mich noch ins Grab.“
Er nestelte in seiner Jackentasche und übergab ihr dann seine Visitenkarte. „Rufen Sie mich einfach an, wenn Sie Zeit haben. Ich möchte Sie jetzt nicht weiter belästigen.“
Sie sah ihn erstaunt an. „Ja gut. Dann also tschüs.“ Und weg war sie. Sie hatte nicht auf die Karte geschaut, sondern sie einfach in ihre Jackentasche gesteckt.
Der Nachmittag verlief ebenso turbulent wie der Vormittag und Susanne hatte Thomas total vergessen. Erst am Abend, als sie im Zug saß und nach Hause fuhr, fiel ihr die Visitenkarte wieder ein. Sie nahm sie zur Hand. Dr. med. Thomas Beckmann und seine Mobilnummer waren darauf zu lesen. Mehr nicht. Sie überlegte, wie alt er wohl sein mochte. Sie meinte, dass er als promovierter Mediziner mindestens Mitte dreißig sein müsste. Sie seufzte leise, als ihr einfiel, dass sie ja auch in wenigen Tagen 28 Jahre alt wurde. Und außer ihrem Vater und ihrem Bruder gab es leider auch keinen Herrn Weber, der eifersüchtig über sie wachte. Sie war seit einem halben Jahr wieder Single. Nach zwei unglücklich verlaufenen Dates hatte sie beschlossen, ihr Alleinsein zu genießen. Seit der Trennung von ihrem Lebenspartner lebte sie wieder bei ihren Eltern, da sie einfach keine bezahlbare Wohnung fand. Ihre Mutter verwöhnte sie und nahm ihr fast alles ab. So ganz gefiel ihr das zwar nicht, denn sie war seit ihrem Studium an Selbständigkeit gewöhnt. Andererseits verschaffte ihr das genügend Zeit, um nach Feierabend an ihrer Dissertation zu arbeiten. Sie hatte schon immer ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Eltern gehabt und das Zusammenleben verlief weitgehend problemlos. Ihre beiden älteren Geschwister waren bereits verheiratet und so war reichlich Platz in dem elterlichen Reihenhaus.
Sie drehte die Visitenkarte in ihren Händen und überlegte, ob sie ihn anrufen sollte. Entschied sich aber dagegen, denn sie wollte ihn noch etwas zappeln lassen.
„Na Kindchen, so nachdenklich“, sagte die Mutter als sie beim gemeinsamen Abendessen auf der Terrasse saßen.
„Nein, eigentlich bin ich nur todmüde. Es war ein sehr anstrengender Tag. Ich hoffe, es ist morgen etwas ruhiger.“ Tatsächlich hatte sie über ihre Begegnung mit Thomas nachgedacht. Aber darüber wollte sie auf keinen Fall reden. Sie wusste immer noch nicht so richtig, was sie von ihm halten sollte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie seine braunen Augen und sein sympathisches Lächeln deutlich vor sich. Aber sie wollte ihn noch nicht anrufen. Sie nahm sich vor, erst mal eine Nacht darüber zu schlafen.
Auch der Sonntag war sehr anstrengend für Susanne gewesen und sie fiel abends müde und mit schmerzenden Füßen ins Bett. Am Montagmorgen erschrak sie, als der Wecker klingelte. Sie fühlte sich immer noch total erschöpft. Missmutig stand sie auf und machte sich auf ihre morgendliche Joggingrunde. Es war schon ziemlich warm und ihre Füße schmerzten immer noch. Deshalb kürzte sie ihre Runde ab. Danach duschte sie ausgiebig und machte sich dann auf den Weg zum Bahnhof. Dort kaufte sie sich einen Kaffee und ein Croissant und bestieg wenige Minuten später den Zug in Richtung Basel. Unterwegs überlegte sie sich, ob sie nicht doch nochmals versuchen sollte, eine Wohnung in Grenznähe zu finden. Das tägliche Pendeln ging ihr auf die Nerven. Jeden Morgen und jeden Abend eine Stunde Zugfahrt, das wurde ihr allmählich zu viel. Vor allem war der Zug morgens meistens total überfüllt, so dass sie nicht arbeiten oder in Ruhe lesen konnte. Sie beschloss, sich mal bei den Arbeitskollegen umzuhören.
In gereizter Stimmung kam sie an ihrem Arbeitsplatz an. Und dort ging dann auch alles schief, was nur schief gehen konnte. Genervt begab sie sich um kurz nach neun Uhr zur Kaffeepause in den Aufenthaltsraum.
„Hey Susa, was ist los? Schlechtes Wochenende gehabt?“ fragte einer der Kollegen, mit denen sie sich regelmäßig zur Pause traf.
„Was heißt hier schlechtes Wochenende? Ich war das ganze Wochenende hier und hab eine Führung nach der anderen gemacht. Das war total anstrengend. Meine Füße tun mir immer noch weh.“
„Warum hast du denn heute nicht frei genommen?“
Sie zuckte müde mit den Schultern. „Ich habe das wirklich unterschätzt.“ Sie trank einen Schluck Kaffee. „Sagt mal, weiß mir jemand von euch eine Wohnung in der Nähe? Ich bin die ewige Zugfahrerei einfach satt.“ Die Kollegen verneinte alle, versprachen aber, sich umzuhören.
„Inseriere doch mal in den Kleinanzeigen im betriebsinternen Intranet“, schlug eine Kollegin vor.
Sie bedankte sich bei der Kollegin für die gute Idee. Sobald sie ein paar ruhige Minuten hatte, wollte sie ein entsprechendes Inserat aufgeben.
„Frau Weber, Telefon für Sie!“ Eine Mitarbeiterin kam atemlos in den Aufenthaltsraum gerannt.
„Wer ist es denn? Sie haben doch wohl hoffentlich aufgelegt und sich die Nummer geben lassen?“
„Nein, der hat sich einfach nicht abschütteln lassen. Irgendein Doktor Sowieso. Er will warten, bis Sie wieder im Betrieb sind.“
Genervt erhob sich Susanne und ging in die Garderobe, um sich für den Pharmabereich umzukleiden. An ihrem Arbeitsplatz angekommen nahm sie den Hörer auf, wobei sie sich im Stillen ärgerte, dass die Mitarbeiterin einfach ihr Telefon abgenommen hatte.
„Hallo Susanne, hier ist Thomas.“
„Thomas?“, fragte sie ungläubig. Sie wusste zunächst nicht, wer sie anrief.
„Ja, wir haben uns doch am Samstag kennenlernt. Ich hatte gehofft, dass Sie mich am Wochenende anrufen. Oder bin ich Ihnen so unsympathisch?“ Sie meinte sein Lächeln zu hören.
„Ja ähm, nein, natürlich nicht. Ich war einfach zu müde. Aber woher haben Sie meine Nummer?“, fragte sie erstaunt.
Er lachte laut. „Na ja, ich weiß ja wo Sie arbeiten. Und da es zum Glück nur eine Susanne Weber bei Ihnen in der Firma gibt, hat mich die Telefonzentrale verbunden.“
„Ach so ja, hm.“ Sie war total verwirrt und wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Ich würde Sie wirklich gerne näher kennenlernen. Wie sieht es denn nächstes Wochenende aus?“
„Nein, das geht nicht, da haben wir einen Geburtstag in der Familie.“
„Das ganze Wochenende?“
Sie lachte. „Ja bei uns ist das immer ein Riesenereignis. Den ganzen Samstag wird zunächst das ganze Haus geputzt. Danach wird gebacken und das Essen für Sonntag vorbereitet. Und dabei muss ich meiner Mutter zur Hand gehen.“
Er seufzte. „Und in zwei Wochen?“
„Moment bitte, ich schau mal in meinen Kalender. Also, am Sonntag wäre es möglich.“
„Prima. Wo wollen wir uns treffen? Oder wollen Sie mir nicht doch lieber Ihre Handynummer verraten? Dann überlege ich mir was und schicke Ihnen dann eine Nachricht.“
Susanne gab sich geschlagen und diktierte ihm die Nummer. Dann verabschiedeten sie sich.
Der ist ja ganz schön hartnäckig, dachte sie.
Während der nächsten Stunden fiel es ihr schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sie meinte ständig seine braunen Augen und seinen schönen Mund vor sich zu sehen.
Leseprobe: Rendezvous in Antwerpen
„Nur keine Panik Omi, wir kommen wirklich früh genug.“ Caroline versuchte ihre Großmutter, die vor lauter Reisefieber fast glühte, zu beruhigen.
Während ihre Großmutter schon reisefertig in der Tür stand, war Caroline noch dabei ihre Sachen einzupacken. Sie hatte die Nacht bei ihr geschlafen, weil sie schon sehr früh losmussten. Da sie absolut keine Frühaufsteherin war, wollte sie die halbstündige Fahrt bis zum Haus ihrer Großmutter so früh am Morgen nicht auf sich nehmen. So hatte sie nach Feierabend rasch ihre Sachen gepackt und sich auf den Weg gemacht. Während des Abends konnte sie ihre Oma etwas von ihrem Reisefieber ablenken. Trotzdem war die alle paar Minuten aufgesprungen, weil sie noch irgendetwas Wichtiges einpacken musste.
Gerlinde Bachmann, die Linda genannt werden wollte, hatte sich zu ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag im Oktober eine Kreuzfahrt gewünscht und ihre Gäste hatten alle mit einem großzügigen Betrag dazu beigetragen, dass sie sich diesen Wunsch erfüllen konnte. Nach langem Überlegen hatte sie sich dann für eine Flusskreuzfahrt entschieden, die von der „Badischen Zeitung“ angeboten wurde. Allerdings hatte sie dann doch nicht den Mut aufgebracht allein zu verreisen. Ihre beste Freundin war nicht mehr gut zu Fuß und deswegen hatte sie ihrer Enkelin Caroline angeboten, sie zu begleiten. Nach einigem Zögern hatte Carli, wie sie in der Familie und unter Freunden genannt wurde, dann zugesagt. Sie war zwar momentan Single, doch eine Reise mit der Großmutter war nicht unbedingt ihr Traum. Aber sie liebte ihre Omi und mochte ihr diesen Wunsch nicht abschlagen, auch wenn ihr Anteil an den Kosten ihr schmales Budget stark belastete.
Nun war es also so weit. Es war ein frischer Aprilmorgen kurz nach fünf Uhr und Carolines Vater Harald stand pünktlich zur vereinbarten Zeit vor der Tür.
„Sagt mal, wollt ihr eine Weltreise machen?“ Er sah seine Mutter und seine Tochter erstaunt an, als Caroline immer mehr Gepäckstücke aus dem Haus trug.
Sie verkniff sich die Bemerkung, dass das meiste Gepäck ihrer Oma gehörte.
„Aber wir müssen doch für jedes Wetter gerüstet sein, zudem brauchen wir gute Kleidung für das Abendessen und Abendkleidung für das Galadiner“, erklärte Linda ihrem Sohn.
Kopfschüttelnd lud Harald alles in den Kofferraum. Er selbst war Minimalist und verreiste immer nur mit dem Nötigsten und Caroline kam in dieser Hinsicht auch eher nach ihm.
Während der Fahrt zum Treffpunkt in Herbolzheim, knetete Linda vor lauter Aufregung ihre Finger. Seit ihr Mann vor fast drei Jahren verstorben war, hatte sie keine Reise mehr unternommen.
„Seht ihr, der Bus steht schon da, wir müssen uns beeilen.“ Kaum stand der Wagen, öffnete Linda aufgeregt die Autotür.
„Jetzt beruhige dich mal, Mutti. Wir sind fast eine Viertelstunde vor der Zeit da.“ Lachend half Harald seiner Mutter den Sicherheitsgurt zu lösen, denn sie war so nervös, dass sie das nicht allein schaffte.
Während er zusammen mit Caroline in aller Gemütsruhe das Gepäck aus dem Wagen lud, stürmte Linda schon auf den Bus zu. Der freundliche Busfahrer nahm die Gepäckstücke entgegen und packte sie in den Frachtraum, während Linda sich schnellatmend bei der Reiseleiterin meldete. Die begrüßte sie freundlich und nannte ihr die Nummer ihres Sitzes.
„Sie sind zu zweit?“
„Ja, meine Enkeltochter ist noch beim Gepäck.“ Unsicher sah sie die brünette Frau mittleren Alters an. „Ich weiß gar nicht, was die so lange treibt.“
„Keine Sorge Frau Bachmann, wir fahren noch nicht ab. Es fehlen noch einige Gäste.“
Harald umarmte seine Tochter noch kurz und wünschte ihr eine gute Reise.
„Pass gut auf deine Oma auf, nicht dass sie vor lauter Aufregung verloren geht.“
„Alles klar Paps, die wird schon wieder runterkommen, wenn wir erst mal unterwegs sind.“
Lachend ging er zurück zu seinem Wagen und hupte bei der Abfahrt kurz. Caroline winkte ihm lächelnd nach. Gemächlich schlenderte sie mit ihrem kleinen Rucksack auf dem Rücken und Lindas Handgepäck in der Hand um den Bus herum zum Einstieg. Ihr wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass sie eine Woche mit ihrer Oma unterwegs sein und die Kabine mit ihr teilen würde. Sie bestieg den Bus und ging bis in die hintere Hälfte, wo Linda sie schon wild winkend auf sich aufmerksam machte. Sie begrüßte freundlich die anderen Mitreisenden und stellte fest, dass sie mit Abstand die Jüngste war. Das kann ja heiter werden, ein ganzer Bus voller Grufties, dachte sie und bereute in diesem Moment ihre Zusage und vor allem das viele Geld, das diese Reise sie gekostet hatte.
„Ach Mädle, wo bleibst du denn so lange?“
„Omilein, wir haben noch zehn Minuten Zeit, zudem sind wir nicht die Letzten.“ Sie legte ihre Hand beruhigend auf den Arm ihrer Großmutter. „Wir sind doch jetzt beide da und freuen uns auf die Reise.“
Während der Fahrt versuchte Caroline noch etwas zu schlafen. Beim ersten Halt stürmte Linda sofort aus dem Bus.
„Komm Carli, ich muss dringend aufs Klo.“
Linda drängte ihre Enkelin förmlich aus dem Sitz. Für ihr Alter war sie noch sehr agil und so gelang es den beiden, fast als erste die Toilettenanlagen der Raststätte zu betreten. Dort half Caroline ihrer Oma mit dem Automaten, der den Eingang erst nach Einwurf eines Euros frei gab. Danach gönnten die beiden sich einen Kaffee und ein Croissant. Aber auch während des Kaffeetrinkens sah Linda dauernd auf die Uhr. Beim dritten Mal legte Caroline ihrer Oma liebevoll den Arm um die Schulter und zeigte mit der anderen Hand zum Tresen.
„Omilein, schau doch, der Busfahrer steht dort drüben an der Theke und bestellt sich etwas. Ohne ihn fährt der Bus nicht los.“
„Du bist wie dein Opa, den hat auch nichts aus der Ruhe gebracht.“
„Es hilft doch nichts, wenn du dich verrückt machst Omi. Es kommt wie es kommt und die Reiseleiterin wird schon aufpassen, dass sie alle ihre Schäfchen beisammenhat.“
Während der Weiterfahrt vertiefte sich Caroline zunächst in das Reiseprogramm. Sie war sehr gespannt, auf die verschiedenen Städte, die sie besuchen würden. Doch ihre Großmutter war nach wie vor sehr aufgeregt. Sie ließ sie weder in Ruhe lesen noch schlafen und bei jedem Halt an den Raststätten drängte sie als eine der ersten aus dem Bus und hatte danach Angst, die Abfahrt zu verpassen. Caroline hatte das Gefühl, dass einige der Mitreisenden sie mitleidig anschauten.
Endlich war es so weit, sie hatten die Liegestelle des Schiffs im Düsseldorfer Hafen erreicht. Sie mussten sich jedoch noch einen Moment gedulden, denn ein anderer Bus war vor ihnen angekommen und die Passagiere waren noch auf dem Weg zum Schiff. Erst als die letzten Gepäckstücke aus dem vorherigen Bus entladen und am Kai abgestellt waren, wurden die Türen geöffnet. Die Reiseleiterin hatte ihnen zuvor genau erklärt, wie alles abläuft. Linda wollte sich abermals sofort aus dem Bus drängen, aber Caroline hielt sie zurück.
„Was soll denn das, Omi? Jetzt hör doch mal auf zu drängeln, lass doch erst mal die Leute, die vor uns sitzen, aussteigen. Das Schiff fährt nicht ab, bevor alle an Bord sind.“
In aller Seelenruhe holte sie ihre beiden Jacken und ihren Rucksack aus dem Gepäckfach über ihren Sitzen. Dann ließ sie ihrer Großmutter den Vortritt, die sofort auf das Schiff zustürmte, während Caroline mit dem Handgepäck in der Hand dastand. Kopfschüttelnd sah sie ihrer Oma hinterher. Mit ihrer zierlichen Figur und den rotgefärbten Haaren wirkte sie viel jünger, als sie tatsächlich war. Schon oft hatte Caroline ihre Großmutter wegen deren Figur beneidet. Sie selbst hatte den etwas kräftigeren Körperbau ihrer Mutter geerbt, war aber trotzdem schlank.
„Mann Omi, du hast vielleicht Nerven, ich muss jetzt das ganze Gepäck schleppen“ grummelte sie vor sich hin, als sie um den Bus herum zum Gepäckraum ging. Sie nahm Lindas beide Koffer und zog sie zum Kai, wo sie sie brav neben die dort bereits vorhandenen Gepäckstücke stellte. Sicherheitshalber kontrollierte sie nach, ob ihre Großmutter ihre Koffer richtig gekennzeichnet hatte. Dann schlenderte sie wieder zurück zum Bus, um ihren eigenen Koffer zu holen. Da kam ihr auch schon eine aufgeregte Linda entgegen.
„Mädle, ich brauch deinen Pass, sonst lassen die uns nicht an Bord.“
„Na du bist gut, du lässt mich das ganze Gepäck allein schleppen und jetzt geht es dir mal wieder nicht schnell genug.“ Sie drückte Linda ihr Handgepäck in die Hand. „Also das hättest du doch wenigstens selbst tragen können, wenn ich mich schon mit den ganzen Koffern abmühen muss.“
Verdutzt sah Linda ihre Enkelin an. Solche Töne war sie von ihr nicht gewohnt. Sonst brachte Caroline so schnell nichts aus der Ruhe. Aber der Schlafmangel machte sich bemerkbar.
„Jetzt komm endlich, da ist schon der nächste Bus.“ Sie zeigte auf den Bus, der inzwischen hinter ihrem angekommen war.“
An der Rezeption herrschte dichtes Gedränge, aber Linda verstand es geschickt, sich nach vorne zu mogeln. Doch vor lauter Aufregung hatte sie die Nummer ihrer gebuchten Kabine vergessen. Sie drehte sich suchend nach Caroline um.
„Carli, welche Kabine haben wir nochmal?“
Sie nannte die Nummer und einige der Umstehenden machte ihr freundlicherweise Platz, damit sie mit Linda zusammen einchecken konnte.
„Also wirklich Omi, manchmal bist du echt peinlich“, maulte Caroline, als sie zusammen den Gang bis zu ihrer Kabine entlang gingen.
„Wieso?“ Verständnislos sah Linda ihre Enkeltochter an.
„Na hör mal, du drängelst dich ständig vor. Es bekommt doch jeder die Kabine, die er gebucht hat. Da muss man doch nicht als Erste am Tresen stehen.“
„Manchmal hat es eben auch Vorteile, wenn man klein ist. Warum sollte ich das nicht ausnutzen?“
Kopfschüttelnd ging Caroline weiter bis fast ans Ende des Schiffs. Ihre Oma hatte zwar auf dem Mitteldeck gebucht, aber eine der günstigeren Kabinen auf dem Achterdeck. Caroline war das recht gewesen, denn selbst dieser Preis überstieg eigentlich ihr Reisebudget. Es war ihr klar, dass ihre Oma sich diese Reise ohne die großzügige Beteiligung der Familie nicht hätte leisten können. Sie hoffte nur, dass sie beide auf so engem Raum miteinander auskommen würden.
Sie öffnete die Kabine und war angenehm überrascht. Sie war hell, freundlich und größer, als sie sich das vorgestellt hatte. Sie ging gleich zum Fenster und schob die Tür, die zu ihrem französischen Balkon führte, auf. Schon kurz danach wurden ihre Gepäckstücke gebracht.
„Du Omi, was hältst du davon, wenn wir noch einen kleinen Abstecher in die Altstadt machen?“
„Ja, aber das geht doch nicht. Wir haben doch schon eingecheckt. Und außerdem müssen wir die Koffer auspacken.“
„Aber Omi, wir haben noch fast zwei Stunden Zeit, bis wir wieder an Bord sein müssen. Nach der langen Busfahrt würde ich mir schon gerne ein wenig die Füße vertreten.“
„Mhm, na ja, wenn du meinst.“
Sie zogen beide ihre leichten Jacken wieder über und verließen das Schiff. Gemütlich bummelten sie durch die Düsseldorfer Altstadt, wo sie auch die einen oder anderen Mitreisenden aus ihrem Bus trafen. Nach einer knappen Stunde drängte Linda aber zur Umkehr. Sie machten sich etwas zügiger auf den Rückweg und kauften an einem Kiosk noch ein paar Flaschen Wasser, weil Linda meinte, dass das an Bord doch sicher viel zu teuer wäre.
Nachdem Linda ihre beiden Koffer ausgepackt hatte, war der Kleiderschrank gut gefüllt.
„Ähm Omi, und wo lasse ich meine Sachen?“
„Ach Mädle, der Schrank ist einfach viel zu klein für zwei Personen.“
„Dann überlasse mir mindestens einen Bügel für meine gute Bluse. Den Rest kann ich in die Fächer packen. Oder hast du die etwa auch alle voll gemacht?“
Beschämt schaute Linda ihre Enkeltochter an. „Na ja, ich kann das vielleicht noch etwas zusammenrücken.“
„Oh Mann Omi, wir sind doch nur eine Woche unterwegs. Was schleppst du nur alles mit?“
„Das habe ich doch deinem Vater schon erklärt. Man muss für jedes Wetter gerüstet sein, wir haben ja schließlich erst Anfang April. Und dann brauche ich für jeden Abend etwas anderes zum Anziehen. Und nicht vergessen, das Galadiner. Da ist Abendkleidung vorgeschrieben.“
Seufzend schüttelte Caroline den Kopf. Sie wusste, dass ihre Großmutter sich gerne schick anzog. Aber dieses Mal hatte sie es ihrer Meinung nach wirklich übertrieben. Aber sie sagte nichts mehr, sondern machte sich kurz frisch und zog sich ein anderes T-Shirt über, bevor sie sich in den Salon begaben, wo es einen Begrüßungscocktail geben sollte. Sie nahmen ihre Gläser entgegen und setzen sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Ein Ehepaar aus Flensburg gesellte sich zu ihnen und sie unterhielten sich angeregt, bis die Begrüßungszeremonie begann. Die Hauptreiseleiterin begrüßte die Gäste und der Kapitän sprach ein paar kurze Worte. Dann begab er sich wieder auf die Brücke und das Bordpersonal wurde vorgestellt. Danach wurden sie nach Busnummern aufgerufen und im Restaurant wurden ihnen ihre Plätze zugewiesen. Linda war glücklich, denn sie hatten beide einen Fensterplatz erhalten. Neben ihnen saßen zwei Frauen, die Caroline auf Mitte sechzig schätzte. Am anderen Ende des Tisches nahm ein älteres Ehepaar Platz. Linda und Caroline kamen sehr schnell mit den beiden Frauen, die sich als Helga und Gisela vorstellten, ins Gespräch. Während die Getränke serviert wurden, legte das Schiff ab. Sie stießen alle sechs miteinander an und wünschten sich eine gute Reise. Das Essen war gut und reichlich und Linda lächelte zufrieden. Doch gleich nach dem Dessert eilte sie in ihre Kabine.
„Was ist mit Ihrer Großmutter?“ Die Reiseleiterin war an ihren Tisch gekommen und sah Caroline besorgt an.
„Oh nichts“, lachte sie. „Sie hat nur schon die Hälfte einer ihrer Lieblings-Serien verpasst.“
„Ich dachte schon, es geht ihr nicht gut.“
„Na ja, wenn sie ihre Serien verpasst, dann geht es ihr wirklich nicht gut.“
Auch das Ehepaar hatte sich inzwischen verabschiedet und Caroline ging mit Helga und Gisela noch oben in den Salon, um noch ein Gläschen zu trinken. Sie musste lächeln, als sie hinter den beiden auf der Treppe nach oben stieg. Die beiden waren sehr klein und ziemlich korpulent. Ihre Beine waren so kurz und dick, dass es ihnen sichtlich schwer fiel die Stufen zu erklimmen.
Sie bestellte sich den alkoholfreien Cocktail des Tages, den sie nicht kannte und ließ sich überraschen. Er schmeckte sehr fruchtig und sie lehnte sich entspannt in dem kleinen Sessel zurück.
„Aber sagen Sie mal, wie alt ist denn Ihre Oma? Wir dachten zunächst, Sie wären Mutter und Tochter.“
„Ja, das denken viele, wenn sie uns sehen. Aber sie ist tatsächlich schon fünfundsiebzig.“
„Nein!“, sagten beide wie aus einem Mund.
„Aber verraten Sie ihr bloß nicht, dass ich Ihnen das gesagt habe.“
„Natürlich nicht. Wir können schweigen. Aber dafür ist sie echt fit.“
„Mhm, ja das ist sie. Aber sie tut auch was dafür, sie geht regelmäßig zum Yoga und zur Gymnastik. Zudem arbeitet sie ständig in ihrem Garten. Das hält ja auch fit.“ Sie lachte. „Und wenn sie doch mal ein Zipperlein plagt, dann hat sie ja mich. Dann muss ich antraben und sie massieren oder ihr eine warme Packung verpassen.“
„Das können Sie?“
„Ja sicher, ich bin Physiotherapeutin.“
„Das ist natürlich praktisch.“
„Genau, das findet sie auch.“ Caroline lachte erneut.
Allmählich machte sich das frühe Aufstehen bemerkbar und sie verabschiedete sich gähnend von den beiden Frauen. „Dann bis morgen früh.“
In der Kabine angekommen, fand sie ihre Großmutter im Bett liegend vor dem Fernseher vor.
Sie ging ins Bad und legte sich dann ebenfalls ins Bett.
„Gute Nacht Omi.“ Sie zog sich die Decke so gut es ging über den Kopf und war tatsächlich schon fast eingeschlafen, als Linda fragte, ob sie den Wecker gestellt hatte.
„Warum? Wir müssen doch erst um neun Uhr fertig sein.“ Verständnislos sah sie Linda an.
„Ja, aber bis wir beide geduscht sind und gefrühstückt haben, das dauert. Stell bitte deinen Wecker auf sieben Uhr.“
„Waas? Um Himmels Willen Omi, das ist doch mitten in der Nacht. Wenn du so früh aufstehen willst, dann kannst du dir doch dein eigenes Handy stellen.“
Ein beschämter Blick traf sie. „Ich weiß nicht, wie das geht.“
„Also gut“, seufzte sie und stellte den Alarm ihres Handys auf sieben Uhr. „Dann sei aber bitte leise, wenn du aufstehst. Am besten richtest du dir jetzt schon die Kleider, die du anziehen willst. Ich möchte mindestens bis um acht Uhr schlafen.“
„Das ist viel zu spät. Ich wecke dich, wenn ich in der Dusche fertig bin.“
„Wenn du meinst“, grummelte sie und zog sich erneut die Decke über den Kopf.
Das Wummern des Schiffmotors störte sie zunächst, doch sie schlief trotzdem bald ein. Aber nur, um mitten in der Nacht erschrocken hochzufahren. Linda schnarchte fürchterlich. Daran Ohrstöpsel mitzunehmen, hatte Caroline nicht gedacht. Sie schlief am Wochenende zwar öfters bei ihr, aber im Erdgeschoß im Gästezimmer, während Lindas Schlafzimmer im ersten Stock gelegen war.
„Das hält ja kein Mensch aus“, murmelte sie und drehte sich auf die andere Seite. Aber es dauerte lange bis sie wieder eingeschlafen war. Am Morgen, als ihr Handy sie weckte, war sie entsprechend gerädert. Sie versuchte nochmals einzuschlafen, aber erfolglos. Linda war putzmunter und sang unter der Dusche. Zudem legte das Schiff im Hafen von Utrecht an.
„So komm, aufstehn, du Faultier.“ Linda zog ihr lachend die Decke weg.
„Lass das“, fauchte sie.
„Was ist, hast du schlecht geschlafen? Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier.“
„Ja, aber ein Murmeltier macht nicht solchen Lärm beim Schlafen.“
Entrüstet sah Linda auf ihre Enkeltochter herunter. „Du willst doch nicht etwa behaupten, dass ich schnarche?“
„Und wie. Wäre dies ein Segelschiff, dann hättest du sämtliche Masten durchgesägt.“
„Jetzt werde aber mal nicht frech!“
Wortlos stand Caroline auf und ging ins Bad. Bis sie geduscht und angezogen war, hatte sich Linda schon längst auf den Weg zum Restaurant gemacht. Die anderen vier Tischgenossen kamen auch kurz nach ihr an.
„Wo ist den Caroline?“ wollte Helga wissen.
„Oh, die ist keine Frühaufsteherin und vor allem ein Morgenmuffel. Die trinkt vermutlich nur schnell ihren Kaffee und sagt kein Wort.“
Als Caroline zum Frühstücken kam, waren die anderen schon so gut wie fertig. Das hatte den Vorteil, dass es kein Gedränge mehr an der Kaffeemaschine gab. Sie kam mit ihrem Becher in der Hand an den Tisch und sagte nur kurz „Guten Morgen.“
Sie bediente sich dann am Büffet und als sie zum Tisch zurückkam, saßen nur noch Helga und Gisela da und genossen ihren Kaffee.
„Na, gut geschlafen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Ich habe vergessen Ohrstöpsel mitzunehmen und Omi schnarcht entsetzlich.“
„Fragen Sie doch an der Rezeption, ob die so was haben.“
„Hm, gute Idee, meinte sie kauend.“
Sie frühstückte in aller Ruhe und ging dann in die Kabine zurück, um die Zähne zu putzen und ihre Jacke zu holen, während Linda schon auf den Bus zustrebte. Kopfschüttelnd sah sie ihr hinterher.
„Das kann ja heiter werden“, grummelte sie vor sich hin.
„Mädle, wo bleibst du denn bloß? Wir warten nur auf dich!“
„Ich weiß gar nicht was du hast. Es hat geheißen neun Uhr und es ist jetzt genau drei Minuten vor neun.“ Sie sah Linda prüfend an. „Hast du dich ausgecheckt, als du von Bord gegangen bist?“
„Oh!“ Entsetzt hielt sie die Hand vor den Mund. „Nein, das habe ich vergessen.“
„Komm gib mir deinen Bord-Pass, ich lauf schnell nochmal zurück.“
Kopfschüttelnd lief sie zurück, doch die Gesichtserkennung sagte ihr, dass sie nicht Gerlinde Bachmann sei. Sie wandte sich an die Rezeptionistin, die das Auschecken manuell vornahm. Sie sah, dass sie nicht die Letzte war und lief gemütlich zum Bus zurück. Ein sehr korpulentes Paar, das sie so um die fünfzig schätzte, ging noch nach ihr von Bord.
Antwerpen
Am sechsten Tag erreichten sie Antwerpen. Caroline war sehr gespannt, denn eine Patientin hatte ihr von der wunderschönen Altstadt vorgeschwärmt. Als sie mit Linda von Bord gegangen war und am Bus ankam, sah sie ihre Reiseleiterin mit einem Mann flirten, schenkte dem aber keinerlei Beachtung. Nachdem der Bus abgefahren war, stellte dieser Mann sich als Tim vor und begrüßte die Gäste mit knappen Worten. Sie empfand seine Stimme als sehr angenehm, aber er schien wohl nicht gerne viel zu reden. Seine Erklärungen waren ziemlich kurz und sachlich gehalten. Aber ihr fiel sein fast akzentfreies Deutsch auf.
In der Nähe des Bahnhofs hielt der Bus an. Die Gruppe stieg aus, ging über die Straße und betrat den Bahnhof. Caroline war sofort hingerissen von diesem schönen Gebäude. Als alle beisammen waren, begann Tim mit seinen Erklärungen. Die Reisenden spürten, wie ihn die Geschichte dieses Gebäudes am Herzen lag und er sparte jetzt nicht mit Erzählungen und Erklärungen. Sie klebte förmlich an seinen Lippen und konnte sich kaum vorstellen, dass man dieses prachtvolle Gebäude ursprünglich abreißen wollte. Da einige der Reisenden zur Toilette mussten, unterbrach Tim seine Ausführungen und zeigte ihnen den Weg. Caroline sah ihn, wie sie meinte unauffällig, genauer an. Nichts an ihm war außergewöhnlich, alles war weder zu groß noch zu klein. Sie schätzte ihn auf eins achtzig und scannte seine schlanke Statur von den kurzgeschnittenen dunklen Haaren bis hin zu den Füßen, die in bequemen hellbraunen Sneakers steckten. Sein Outfit war ebenfalls nicht auffällig, ein weinrotes Poloshirt unter einem braunen Lederblouson, sowie eine schmale beige Hose. An seinen Händen konnte sie keinen Ring entdecken.
Ihre Blicke begegneten sich und ein kurzes Lächeln erhellte kurz sein ebenmäßiges Gesicht. Es war kein breites Macholächeln, sondern ein kleines, fast scheues Lächeln, bei dem er die linke Oberlippe etwas nach oben zog. Sie gestand sich ein, dass dieser Mann ihr gefiel. Außer dem Lächeln fand sie seine schön gebogenen Augenbrauen interessant. Sie lagen wie schmale Mondsicheln über seinen leicht mandelförmigen, graublauen Augen.
Sie machte ein paar Fotos, wobei sie ihn ebenfalls ins Visier nahm, was er sich, verlegen lächelnd, gefallen ließ.
Inzwischen war die Gruppe wieder beisammen und die Besichtigung ging weiter, wobei Caroline wiederum an Tims Lippen hing. Sie teilte seine Begeisterung für dieses Gebäude und hörte ihm aufmerksam zu.
„Hey Carli, starr doch den Mann nicht so an“. Linda hatte sie in die Seite gestupst.
Ihr war nicht aufgefallen, dass sie ihn unaufhörlich anschaute. Sie fand es interessant, dass der Bahnhof in relativ kurzer Zeit umgebaut und renoviert worden war. Dies hatte sie zu einer Bemerkung über Stuttgart 21 veranlasst, wobei sie einige Lacher der Mitreisenden erntete. Tim, der die unendliche Geschichte des Stuttgarter Bahnhofs offensichtlich nicht kannte, lächelte sie verwirrt an. Und da war es wieder, dieses kleine schüchterne Lächeln. Sie fand es unwiderstehlich und konnte die Augen einfach nicht von ihm lassen.
Beim Verlassen des Bahnhofs ging sie einige Meter an seiner Seite.
„Dieser Bahnhof ist wirklich ein Schmuckstück. Es wäre unverantwortlich gewesen ihn abzureißen.“ Er nickte und lächelte sie erneut an. „Man muss wirklich nicht ein Monstrum aus Beton aus dem Boden stampfen, um einen funktionstüchtigen Bahnhof zu erhalten“, ergänzte sie.
„Ja, ich bin wirklich sehr glücklich darüber, dass die Bevölkerung sich durchgesetzt hat.“ Wieder schenkte er ihr ein Lächeln.
Als andere Gruppenmitglieder sich an seine Seite drängten und Fragen stellten, ließ sie sich zurückfallen. Sie betrachtete ihn von hinten. In seiner Hose zeichnete sich sein kleiner fester Po ab. Aber was ihr jetzt besonders auffiel, war sein Gang. Er zog die Beine bei jedem Schritt in den Knien etwas hoch. Lächelnd stellte sie sich vor, wie er als kleiner Junge wohl daher gestapft sein mochte. Sie fand, dass das einfach goldig ausgesehen haben musste. Ob ein Kind von ihm wohl auch sie drollig laufen würde? Bei dem Gedanken zog sie die Notbremse. Zum Glück waren sie wieder am Bus angekommen. Sie hatte noch bemerkt, dass sich Linda an seine Seite gedrängt hatte, um ihn etwas zu fragen. Sie konnte aber nicht verstehen, was die beiden miteinander gesprochen hatten.
Beim Einsteigen lächelte er sie erneut an und sie erwiderte das Lächeln. An ihrem Platz angekommen, suchte sie in ihrem kleinen Cityrucksack nach einem Kugelschreiber und einem Stück Papier. Das Einzige, was sie fand, war der Kassenzettel, vom Kauf der Ohrstöpsel.
„Was suchst du denn so krampfhaft?“
„Omi, hast du mir vielleicht ein Stück Papier und einen Kuli?“
„Klar.“ Linda kramte einen Moment in ihrer großen Tasche und brachte ein kleines Notizbuch und einen Kugelschreiber ans Tageslicht.
Caroline bedankte sich und riss ein Blatt aus dem Büchlein, worauf sie ihren Vornamen und ihre Telefonnummer schrieb.
„Danke Omi“, sie gab Notizbuch und Kuli zurück.
„Hör zu Mädle, schlag dir diesen Kerl aus dem Kopf?“ Sie erntete einen verwirrten Blick. „Der ist entweder schwul oder total verklemmt. Zudem ist er viel zu alt für dich.“
„Wie kommst du denn da drauf?“
„Ich habe doch gesehen, wie du ihn angestarrt hast.“
„Ich meine, dass er schwul wäre.“
„Na ja, ich bin eben schon ein paar Jährchen älter als du. Da erkennt man, ob ein Mann ein Mann ist oder eben nicht.“
„Nein, das glaube ich nicht. Da irrst du dich bestimmt.“
„Na ja, dann ist er aber wirklich sehr schüchtern und verklemmt.“
„Was hast du eigentlich mit ihm geredet?“ Neugierig sah sie ihre Großmutter an.
„Hm, ich habe ihn ein wenig ausgefragt, nach Familie und so.“
„Du hast WAAS???“ Entsetzen stand in ihrem Gesicht.
„Na ja, wenn du ihm schon schöne Augen machst, dann muss ich doch wenigstens wissen, ob er Single ist.“
„Omi, du bist unmöglich.“ Kopfschüttelnd schloss sie die Augen für einen kurzen Moment.
„Also, falls es dich interessiert, er ist wohl wieder zu haben.“
„Oh Mann Omi, was hast du dir denn nur dabei gedacht?“ Ein vorwurfsvoller Blick traf Linda.
„In meinem Alter darf man sowas fragen. Ich habe mittlerweile Narrenfreiheit“, erwiderte sie lachend.
Caroline konzentrierte sich jetzt auf die Erklärungen, die Tim zu den diversen Gebäuden gab, an denen der Bus vorbeifuhr. Ihrer Meinung nach war die Fahrt viel zu kurz. Eh sie sich’s versah, waren sie wieder am Schiff angekommen. Tim verabschiedete sich von der Gruppe und stieg aus. Er stand neben dem Aufgang zum Schiff, wiederum von Daniela, der Reiseleiterin, belagert. Caroline fühlte Eifersucht in sich aufsteigen. Die ist doch viel zu alt für ihn, dachte sie. Als Letzte ging sie an Bord und drückte ihm statt eines Geldscheins den Zettel mit ihrer Nummer in die Hand. Ihre Hände berührten sich kurz, was sie bis in den kleinen Zeh elektrisierte.